Was OER von FOSS lernen kann

Im September findet die von Wikimedia Deutschland e.V. initiierte Konferenz zum Thema Open Educational Resources (OER) statt. Beim Call for Participation habe auch ich einen Beitrag eingereicht, der aber leider abgelehnt wurde. Ich habe mich darum entschieden meinen kurzen Vortrag in einen Blogeintrag umzuwandeln. Ich verspreche mir davon zwei Dinge:

  1. Die Aufmerksamkeit der Community rund um Freie und Open-Source-Software (FOSS) auf das Thema OER zu lenken, weil ich glaube, dass es hier viele Gemeinsamkeiten gibt.
  2. Die Befürworter (und auch Gegner) von OER auf FOSS aufmerksam zu machen, damit sie von deren Erfahrungen und deren Werdegang profitieren können.

OER und FOSS haben viel gemein

Dass Open Educational Resources und Free and Open Source Software etwas miteinander zu tun haben, deuten bereits die beiden Begriffe an. Und tatsächlich war FOSS hier, ähnlich wie bei vielen anderen Free- und Open-Themen (z.B. Open Data, Open Access oder Open Knowledge), Ursprung der Idee. Im Prinzip könnte man sagen, dass die Kriterien, die eine Software zu Freier und Open-Source-Software machen, auf Lehr- und Lernmaterialien übertragen wurden. Dies geschieht in den meisten Fällen durch den Einsatz von freien Creative-Commons-Lizenzen, wie beispielsweise der CC BY-SA 3.0 DE. Diese erlaubt es

  • das Werk bzw. den Inhalt [zu] vervielfältigen, [zu] verbreiten und öffentlich zugänglich [zu] machen
  • Abwandlungen und Bearbeitungen des Werkes bzw. Inhaltes an[zu]fertigen
  • das Werk kommerziell [zu] nutzen

und zwar unter den Bedingungen, dass der Autor des Werks genannt und jede Abwandlung des Werkes unter der gleichen oder einer vergleichbaren Lizenz weitergegeben wird.

Aus der Geschichte lernen

Da sich OER und FOSS lizenzrechtlich ähneln, scheint es sinnvoll bestimmte Entwicklungen, die FOSS im Laufe der Jahre durchgemacht hat zu beobachten und dadurch Rückschlüsse auf mögliche zukünftige Entwicklungen von OER zu ziehen. Ich will darum im Folgenden einige Punkte aufzeigen, die ich für die weitere Entwicklung von OER für wichtig halte. Diese gliedere ich in drei Bereiche, die in meinen Augen maßgeblich sein werden: Kommunitkation, Qualitätssicherung und Geld verdienen.

Kommunikation (auch technisch)

  1. „OER sind kostenlos“ – Es sei jedem , der mit OER zu tun hat, ans Herz gelegt dies wann immer es geht zu widerlegen. Die FOSS-Gemeinschaft wird auch nach über 25 Jahren mit dieser Aussage konfrontiert und der Glaube daran, dass FOSS kostenlos sein ist nur sehr schwer aus der Welt zu räumen. Das mag unterschiedliche Gründe haben, dennoch sollten OER-Freunde daraus lernen und nicht müde werden zu betonen, dass auch OER produziert werden müssen. Und dafür möchte jemand (in welcher Form auch immer) einen Gegenwert erhalten. Nur durch Freiwillige gestützt, wird es schwierig werden OER flächendeckend in die deutsche Bildungslandschaft zu integrieren.
  2. „Mit iBooks Author kann man ganz tolle Materialien erstellen“  – Das mag zwar stimmen, aber sie bleiben denen vorbehalten, die ebenfalls ein Produkt von Apple nutzen. Damit ist ein essentieller Grundsatz von OER nicht erfüllt: jeder sollte prinzipiell in der Lage sein die Materialien zu weiter zu bearbeiten. Beim Einsatz von proprietären Formaten wird dies erschwert. Wer also wirkliche OER produzieren möchte sollte auf offene Formate und Standards zurückgreifen. Dies schafft nicht nur Unabhängigkeit von einzelnen Softwareherstellen, sondern sichert auch prinzipiell die fortlaufende Existenz der Materialien, sowie die Möglichkeit unterschiedlicher Programme miteinander zu kommunizieren.

Qualitätssicherung

  1. „Bei der Menge an Material blickt doch keiner mehr durch“ – Materialien, die weder benötigt werden, noch für einzelne interessant sind, werden mit der Zeit nicht mehr weiter entwickelt und sterben quasi aus. Welche Materialien für den Nutzer die richtigen sind, muss aber trotzdem geprüft werden. So wie eben auch unterschiedliche Software getestet werden muss, um herauszufinden welche dem Nutzer am meisten liegt.
  2. „Wenn jeder Material erstellen kann, dann leidet die Qualität“ – Dies ist eigentlich das gleiche Argument gegen OER, wie das vorherige. Aber aus einer anderen Perspektive formuliert. Hier liegt das Hauptaugenmerk nicht auf der Fülle des Materials, sondern auf den Autoren und deren Fähigkeiten. Auch hier gilt: Ausprobieren und sich z.B. auf Bewertungssysteme stützen. Sollte man Schwachstellen im Material finden, so lassen sich diese einfach durch den Finder korrigieren. Ableger des Materials können erzeugt werden und eigene Wünsche integriert werden. Diese Änderungen können dann wiederum dem ursprünglichen Autor vorgeschlagen werden (dieses Prinzip findet sich z.B. bei GitHub, einer Social-Coding-Plattform). Wie auch bei FOSS wird der Nutzer immer auch zum potentiellen Autor. Dieser gedankliche Wechsel braucht Zeit.

Geld verdienen

  1. „OER schädigen den Wettbewerb“ – FOSS wird regelmäßig vorgeworfen den Wettbewerb zu schädigen. Gleiches gilt auch für OER. Es ist aber eher das (veraltete?) Geschäftsmodell, was sich vermutlich beugen und  durch OER ändern wird. Es wird mehr Optionen für Lehrmitteleinkäufer (und -nutzer) geben die Materialien individualisieren zu lassen bzw. Anpassungen selbst vorzunehmen. Durch das entsprechende Lizenzmodell (z.B. Creative-Commons-Lizenzen) bieten OER neue Möglichkeiten für kleinere Unternehmen, die normalerweise neben den großen Verlagshäuser nicht bestehen könnten.
  2. „Wissen kann man nicht verkaufen“ – In FOSS-Kreisen verdienen die Dienstleister ihr Geld nicht damit eine Software (als Gegenstück zu Lernmaterialien) zu verkaufen. Vielmehr wird die Dienstleistung verkauft, diese Software zu individualisieren, anzupassen und die Kunden bei deren Einsatz zu unterstützen (Support). Ein ähnliches Modell ist bei OER denkbar. Weg vom Verkauf von „Wissen“ und hin zum Verkauf der pädagogischen und didaktischen Anpassung des Wissens.
  3. „Die Community ist dein Freund“ – Aktuell betrachten viele Verlage OER-Ersteller als Konkurrenten oder Gegner. Das muss aber nicht der Fall sein. Ähnlich wie es bei FOSS-Projekten möglich ist als Außenstehender eine Änderung am Code vorzunehmen und diesen zu veröffentlichen, können externe Autoren dies mit dem Unterrichtsmaterial tun. Die Verlagshäuser haben dann wiederum die Möglichkeit diese Änderungen (falls sie ihren Qualitätskriterien entsprechen) in ihre Publikationen einzupflegen. Dies erspart ihnen nicht nur Arbeit, sondern öffnet den Entstehungsprozess eines Werks und ist auf diese Art und Weise auch innovationsfördernd.

Und nun?

Sicherlich wird es noch einige Abweichungen hinsichtlich der OER-Entwicklung und ihres Bezugs zu FOSS geben. Trotzdem ist es immer hilfreich die Entwicklungen ähnlicher oder sogar vorhergehender Bewegungen im Hinterkopf zu behalten. So lassen sich mögliche Probleme unter Umständen schon frühzeitig erkennen und für alle Beteiligten verträglicher aus dem Weg räumen. Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf, freue ich mich besonders auf den Vortrag von Daniel Mietchen, der auf der OER-Konferenz über unterschiedliche Open-Bewegungen und ihren Bezug zu OER sprechen wird. Dabei wird FOSS sicherlich eine große Rolle spielen.

Slider-Bild von opensourceway (CC BY-SA 2.0)

3 Gedanken zu „Was OER von FOSS lernen kann

  1. Der Vergleich lohnt allemal, aber warum gibt es hier wie da keinen echten Durchbruch – wenn man mal von der gewaltigen Lobbyarbeit der Konzerne absieht? Es gibt wenig Eindeutiges, so etwas wie einen Markennamen, ein Konzept, dass griffig ist (wir erinnern uns an das Debakel mit OpenOffice…). Für die OER fängt das bei den Formaten an und hört bei den Werkzeugen zur Erstellung leider nicht auf.
    Wie etabliert man so etwas?

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