„Weil’s günstiger ist“ – Vorsicht mit dem Kostenargument

Immer wenn es um die Frage geht, ob Freie und Open-Source-Software in der Schule eingesetzt werden soll, wird zwangsläufig auch über Kosten gesprochen. Dass Einsparungen beim Einsatz von Freier und Open-Source-Software grundsätzlich möglich sind, braucht hier nicht mehr diskutiert werden. Beispielhaft zeigt es sich in München oder auch Finnland. Zwar werden solche Aussagen auch in Frage gestellt, doch insgesamt scheint die Mehrheit von Einsparungen durch Freie und Open-Source-Software überzeugt. Warum also sollte das Kostenargument nicht auch genutzt werden?

Alles für umsonst?

Ich habe selbst schon mehrfach mit einer Kosteneinsparung argumentiert (z.B. bei einem Vortrag auf der Ubucon 2011) und die Erfahrung gemacht, dass dieses Argument meist korrekt verstanden wird. Aber eben nur meist – vor allem von Personen, die mit der Materie rund um Freie und Open-Source-Software vertraut sind. Bei Personen, die nicht wissen auf welche Art und Weise sie funktioniert, führt das Argument hingegen oftmals zu Missverständnissen. Die meist kostenlos verfügbare Software wird dann schnell zu Software die insgesamt keine Kosten verursacht. Betrachtet man aber alle anfallenden Kosten, einschließlich Schulung der Mitarbeiter, Migration der Systeme oder auch die verlustfreie Dateikonvertierung, so kann die spätere Kosteneinsparung zunächst wie eine Kostensteigerung aussehen. Hier mit den Ursachen zu argumentieren (z.B. dem vorherigen Einsatz nicht-offener Dateiformate) führt meist nicht zum Erfolg, weil zwar auf den „Schuldigen“ hingewiesen wird, dies aber nichts an der jeweiligen Situation ändert.

Dies führt uns dann zur nächsten Schwierigkeit, die beim Einsatz „kostenloser“ Software  gerne auftritt: der Umgang mit Problemen. Im Volksmund gilt die Weisheit „Was nichts kostet, ist auch nichts“. Ähnlich verhält es sich an Schulen, die sich für Freie und Open-Source-Software entscheiden, um Geld zu sparen. Treten Probleme mit der jeweiligen Software auf, so wird oftmals nicht nach den wirklichen Ursachen des Problems gesucht, sondern die Schuld bei der günstigen Software gesucht: „Hätte unsere Schule genügend Geld, würden wir eine vernünftige Software kaufen.“

Das Kostenargument ist insgesamt legitim

Entscheidend für das korrekte Verständnis des Kostenproblems scheint daher zu sein, dass das Grundprinzip von Freier und Open-Source-Software und daraus ableitend auch die Monetarisierungskonzepte verstanden wurden. Nur wer versteht, wie diese funktionieren, kann damit im System Schule Gelder einsparen. Möglichkeiten dazu bietet z.B. eine Computer AG, welche sich um Administration und Wartung der Schul-IT kümmert. Auch Schulungen der Lehrkräfte durch die AG sind denkbar. Komplexere Aufgaben lassen sich an lokale Unternehmen delegieren.

Insgesamt kann das Kostenargument als ein legitimes Argument angeführt werden. Allerdings ist dabei zu beachten, dass die angesprochene Zielgruppe grundlegende Kenntnisse von Freier und Open-Source-Software hat bzw. ein allgemeines Interesse an dieser besteht. Vor allem ist darauf zu achten, dass mit dem Begriff Kosteneinsparung nicht zwangsläufig gigantische Summen zu verbinden sind.

Besser andere Argumente verwenden

Um alle weiteren Personengruppen über die Vorzüge zu informieren, sollte auf andere Argumente zurückgegriffen werden. Für die Schule sind diese dabei, ähnlich wie bei Unternehmen, die bessere Anpassbarkeit oder erhöhte Sicherheit. Deutlich besser eignet sich für den schulischen Bereich aber das Argument, dass sich das demokratische Prinzip der FOSS-Community hervorragend in moderne Schulkonzepte einreiht.

10 Gedanken zu „„Weil’s günstiger ist“ – Vorsicht mit dem Kostenargument

  1. Zwar nicht speziell für Schulen, aber Erfahrungen aus 10 Jahren Linux-Dienstleistungen:

    Ich vermittle das immer so (Selbständiger EDV-Dienstleister):

    Die Software an sich ist in der Regel kostenlos erhältlich. Sie bezahlen für den Service und Support, wie die Installation und die Einweisung, wenn dies gewünscht wird. Meist biete ich lauffähige – also für den Kunden auf seinen Bedarf fertig installierte – Systeme mit Einweisung an.

    Im Normalfall kommt das sehr gut an. Auch ist der Anwender eher bereit für die Einweisung etwas zu zahlen, da er hierin einen direkten Nutzen hat. Unter dem Strich ist es aber (bei derzeit über 350 betreuten Kunden) so, dass die Einsparungen deutlich höher sind, als es dies unter Windows der Fall wäre (bzw. war – die meisten sind ja Umsteiger). Dies betrifft sowohl Firmen als auch Privatanwender, wobei in ersterem Fall meist zu Beginn einige Nüsse zu knacken sind (spezielle Software etc.) und hierdurch die anfänglichen Kosten auch mal etwas höher sein können. Die laufenden Kosten jedoch sind deutlich geringer und gleichen dies recht schnell wieder aus.

    Auch bei mir wird aber zunächst mit der Anpassbarkeit (Freiheit), Geschwindigkeit und Sicherheit (auch Zuverlässigkeit) argumentiert, der Preis kommt an letzter Stelle.

    Die Aussage ‚Weil’s günstiger ist‘ bezieht sich nicht nur auf den finanziellen Part. Leider wird günstiger oft mit billiger verwechselt.

  2. Mir gefällt das folgende Argument insbesondere für Bildungseinrichtungen:
    Unsere Schüler/Studenten können anschließend dieselbe Software auch Zuhause installieren und benutzen – ohne Lizenzprobleme. Das zieht aber nur richtig gut bei Anwendungssoftware, eher weniger beim Betriebssystem.

    Das war bei uns in der Fakultät das Argument, warum in den Computer-Kursen vor allem Open-Source-Programme vorgestellt wurden.

    1. Dieses Argument ist sogar auf mehreren Ebenen sehr gut:

      1. Schüler/Studenten mit geringeren finanziellen Mitteln können dieselbe hochwertige Software nutzen, die auch in der Schule/Hochschule Verwendung findet. Dadurch werden soziale Unterschiede in diesem Bereich gemindert.
      2. Es wird aller Voraussicht nach weniger Probleme beim Dateiaustausch geben, weil auf offene Formate und Standards gesetzt wird.
      3. Je nach Unterrichtskonzept ist es didaktisch sinnvoll mit derselben Software auch zu hause arbeiten zu können.

      In diesem Kontext ist das Lernstick-Projekt aus der Schweiz sehr interessant. Hier wird Schülern ein USB-Live-System gegeben mit dem sie alle ihre Arbeiten erledigen können – in der Schule und zu hause.

  3. Deinen „besseren Argumenten“ würde ich gerne entgegenhalten:
    „weils besser ist – vorsicht mit den OpenSource Argumenten!“
    Wenn man den Leuten erklärt, freie Software sei
    – sicherer
    – kostenlos
    – funktioniere in der Praxis besser
    dann laufen diese Nutzer Gefahr, wieder zu proprietärer Software abzuwandern;
    warum? In all diesen Punkten konkurriert proprietäre Software mit freier Software.
    Proprietäre Software kann Preise senken, Sicherheitslücken ausbessern, Funktionen aufrüsten.
    Die eigentliche wichtige Sache, nämlich die Kontrolle über den PC und die damit verwalteten Daten, die Freiheit und Ethik, das sind die Dinge, bei denen proprietäre Software nie mit freier Software konkurrieren kann.
    Wenn die Leute lernen, ihre Freiheit zu schätzen und begreifen, dass sie mit proprietärer Software ihr digitales Leben in die Hände von ein paar Megafirmen geben, dann werden sie nicht mehr abwandern.
    siehe
    http://www.gnu.org/philosophy/open-source-misses-the-point.html

    1. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass viele das Freiheitsargument zwar auf irgendeine Art und Weise gut finden, es aber für deren schulischen Alltag eine eher geringe Rolle spielt. Vor allem, wenn es die Art der Freiheit ist wie sie teilweise von der FSF beschrieben wird. Diese Form der Freiheit ist oftmals recht technisch, auch wenn sie andere Wurzeln hat. Open Source als das proprietärer Software gegenüber als besser beschriebene Entwicklungsmodell hingegen kann auch für einen „idealismusfaulen“ Menschen direkt einleuchtend sein. Um diese zu überzeugen ist es daher hilfreich in viele Richtungen zu argumentieren.

      1. Ich kann verstehen, wenn du sagst, dass es mit diesen „praktischen“ Argumenten einfacher geht, die Leute zu überzeugen.
        Aber wie lange werden sie dabei bleiben?
        Es überschlagen sich die Meldungen, wo große Städte zu Opensource hin- und wieder abwandern.
        Und ich glaube, dass die Begründungen der FSF nicht so technisch und unverständlich klingen, wie du denkst.
        Wenn man den Leuten erklärt, was ein Programm ist, und wie es im Allgemeinen funktioniert, dann sind sie oft erschüttert, welche Macht der Entwickler doch besitzt.
        Die Idee der freien Software klingt für sie dann eigentlich naheliegend.
        Gerade den Schulen sollte doch einleuchten, dass die Kinder die Freiheit besitzen sollten, die Programme und ihre Arbeitsweise zu studieren, die sie benutzen – wenn sie dafür noch zu jung sind, dann später einmal.
        Wenn du dann noch zusätzlich mit deinen praktischen Argumenten kommst, ist daran nichts verkehrt.

        1. Wie gesagt, es handelt sich dabei um meinen persönlichen Eindruck. Was ich mit dem „demokratischen Prinzip der FOSS-Community“ meine, sind eben die von der FSF bei Freier Software beschriebenen Freiheiten. Was ich für zu technisch halte, ist der Bezug, der darüber zur Bildung hergestellt wird (Kinder lernen, weil sie das Programm studieren/verändern/verbessern können). Das ist für die meisten Personen im Unterricht nicht relevant. Im Informatikunterricht könnte so etwas thematisiert werden, aber auch hier dürfte es selten tatsächlich so sein.
          Statt dessen setzen Schulen immer häufiger auf Produkte von Apple (Stichwort iPad-Klassen). Diese Entscheidung fällt nicht, weil die Beteiligten keine Ahnung von der Materie haben, sondern weil es das vorherrschende Verständnis von Medienkompetenz hergibt. Und tatsächlich werden in solchen Klassen tolle Ergebnisse erzielt (auch kritische). Ein Argumentation sollte daher (in meinen Augen) ganzheitlich sein, denn nicht jede Zielgruppe (Lehrer, Schulleitung, Eltern, Schüler) fordert das Gleiche und hält alles für gleich wichtig.
          Wenn eine Schule aus praktischen Gründen zu FOSS wechselt, dann ist das in meinen Augen nicht weniger Wert, als eine, die die Freiheit in den Mittelpunkt rückt. Inwieweit so etwas nachhaltiger oder weniger nachhaltig ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber es gibt viele Leute, die sich erst später mit den Grundideen von Freier Software beschäftigen, obwohl sie aus praktischen Gründen gewechselt haben (kein Virenscanner mehr beim Einsatz von Linux). Was ich aber sicher sagen kann ist, dass der Wechsel NUR um Kosten zu sparen meist in Enttäuschung endet.

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