Open Source, Demokratie und Schule

Vor zwei Tagen erschien das Jahrbuch Netzpolitik 2012 von netzpolitik.org. Unter anderem enthält es einen Artikel von Mirko Boehm, in dem er sich mit Demokratie in Open-Source-Projekten auseinandersetzt. Die Frage nach der oder einer demokratischen Grundausrichtung von Communities ist speziell im schulischen Kontext äußerst spannend. Das hat mehrere Gründe:

1. Wenn Schulen auf Freie und Open-Source-Software (FOSS) setzen, dann tun sie dies meist nicht um Geld zu sparen (FOSS ist NICHT unbedingt kostenlos). Viel wichtiger scheinen hier die Überzeugungen hinter dem Prinzip der Offenheit und Teilhabe.

2. Schulen treten immer mehr in einen Wettbewerb mit anderen (privaten) Schulen. Um sich zu profilieren reicht das Abdecken von Regelunterricht oder das Anbieten von AGs oftmals nicht aus. Gefordert sind ganzheitliche pädagogische Konzepte, die modern und offen sind. Dabei geht es natürlich auch um die Vermittlung demokratischer Werte. Authentizität spielt dabei eine wichtige Rolle.

3. Die Integration von offenen und freien Technologien wie FOSS, offenen Formaten und Standards sowie freien Bildungsmaterialien (OER), fügt sich in diese ganzheitlichen Konzepte hervorragend ein.

Die Frage „Ist Open Source demokratisch?“ ist darum für eine Schule nicht nur eine Frage nach einem Entwicklungs- bzw. Organisationsmodell von Software und Communities, sondern zusätzlich eine, die das Selbstbild mitbestimmt, wenn man eben benannte Technologien in das eigene pädagogische Konzept integriert. Schließlich ist die Erziehung „im Geiste der […] Demokratie“ (Landesverfassung NRW Artikel 7 Absatz 2) oder „in freier, demokratischer Gesinnung“ (Landesverfassung RLP Artikel 33) nur glaubhaft möglich, wenn diese Ideale auch vorgelebt werden.

Wie es um die Demokratie in FOSS-Projekten/Communities bestellt ist und was für Schlüsse daraus für den Einsatz an Schulen gezogen werden können lässt sich unter anderem an der folgenden Aussage festmachen. Wenn Boehm schreibt

Demokrati­en hatten ähnliche Probleme der Teilhabe und der Verteilung von Macht und Verantwortung zu lösen wie Communities.

bedeutet das zunächst nur eines: Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Das gilt nicht nur für Staaten, sondern auch für Communities. Da in Demokratien nur diejenigen stimmberechtigt sind, die bestimmte Kriterien erfüllen (z.B. Staatsangehöriger sein), muss die Frage aufgeworfen werden, ab wenn selbiges auch in der FOSS-Gemeinde Gültigkeit erhält.

Sind Benutzer integrative Bestandteile (Bürger) von Open-Source-Communities? Wie sieht es mit weiter Außenste­henden aus, die gelegentlich Feedback geben? Und sollten diese dann den Entwicklern gleichgestellt sein? Wie in Staaten stellt sich die Frage nach Gleichheit.

Es drängt sich also die Frage auf, welche Kriterien eine Person erfüllen muss, damit sie von der Community als „Bürger“ angenommen wird. Zentral ist dabei mit Sicherheit, dass diese Person etwas zur Gemeinschaft beiträgt oder beigetragen hat. Für die bereits bestehenden Bürger ist Beitrag aber nicht gleich Beitrag. Doch wenn das Beisteuern von Code mehr wert ist, als das Melden von Bugs, oder das Wünschen weiterer Features, kann man dann wirklich von einer demokratischen Struktur sprechen?

Laut Boehm ist ein Umdenken zwangsläufig notwendig, damit es nicht zu einer Entdemokratisierung kommt. Seiner Meinung nach

sind Open-Source-Commu­nities gut beraten, Benutzer mehr und gleichberechtigter einzubinden und durch Open Governance mehr Demokratie zu wagen.

Entscheidend scheint zumindest im Kontext von Schule und Bildung, dass die Idee des Sich-Öffnens und der Bereitschaft voneinander lernen zu können ein weiteres zentrales Element der Communities ist. Und dass zu jedem guten Lernprozess auch die Fähigkeit gehört zu erkennen, dass dieser noch verbessert werden kann. In diesem Sinne hat auch der demokratische Findungsprozess von FOSS einiges mit der Entwicklung des Gesamtsystems Schule gemein. Auch hier müssen sich demokratische Strukturen ihren Weg langsam ebnen. Das macht Schule jedoch nicht zu einem undemokratischen Konstrukt, vielmehr charakterisiert es sie als lernende Organisation, die die Demokratie als hohes Gut begreift. Damit lassen sich auch die Ausgangspunkte ‚Authentizität von Schule‘ und ‚Demokratieverständnis von FOSS‘ unter einen Hut bringen. Zumindest so lange man Verständnis dafür mitbringt, dass ein Wandel nicht immer fehlerfrei vollzogen werden kann.

Slider-Bild von TheBigTouffe (CC BY 2.0)

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